Lichter und Oberflächen zur Eröffnung(transmediale 2k12)

Leinwand und Saal bei der Eröffnung

Nachdem aufdringlich goldene Glitzerplakate schon seit Wochen die Straßen zieren und die Geschmäcker entzweien, wurde in Berlin gestern die Transmediale 2012 (etwas kryptischer: 2k12) eröffnet. Zwei bildgewaltige Performances rahmten die Einführung ins Programm des neuen künstlerischen Leiters Kristoffer Gansing und die üblichen Grußworte.

Zunächst schien es ein paar technische Probleme zu geben. Als Gansing, der als künstlerischer Leiter seine erste Transmediale eröffnete, seine Bildschirmpräsentation auf der gigantischen Leinwand im Haus der Kulturen der Welt starten will, wird er zur Eingabe des Benutzerpasswortes aufgefordert. Der zur Hilfe gerufene „Jon“, offenbar Besitzer des Präsentationsrechners, kann helfen. Auch als anschließend das OpenOffice-Präsentationsprogramm über ein fehlendes Plugin klagt, klickt Jon sich schnell und sicher durch die nötigen Installationsdialoge. Doch immer mehr Fehlermeldungen erscheinen, immer mehr Fortschrittsbalken beginnen sich langsam zu füllen.  Als die Fehlersounds sich schließlich zu einem Rhythmus formen, kapiert das Publikum langsam: Dies ist der sehr liebevoll inszenierte Beginn der angekündigten Performance von jon.satrom.

In den folgenden ca. zehn Minuten zeigt jon.satrom einen „Kampf“ mit der Mac OS-Benutzeroberfläche, mit Lizenzen und Plugins. Fenster und Desktops werden jongliert, bekannte Designelemente, die „Warten“ symbolisieren (, , ), werden spielerisch zerlegt. Am Ende, nachdem die perfekte, auf Effizienz getrimmte Apple-Oberfläche bis zur Unkenntlichkeit verzerrt worden ist, ist schließlich das „fehlende Plugin“ installiert – und Gansing kann nach einem begeisterten Applaus fortfahren.

Im vergangenen Jahr wurden die Besucher noch von einer Kunstfigur namens Angel_F begrüßt, der personifizierten Frage nach künstlicher Intelligenz, dem Körper und seinem Fleisch und Blut. 2012, unter dem Festivalthema in/compatible ist es nun das ganz banale, alltägliche Interface, das uns zur Begrüßung um die Ohren fliegt.


Nach jon.satroms Auftritt bittet der verspielte Gastgeber Gansing um Eile, weil man durch die „technischen Probleme“ mit der Präsentation so viel Zeit verloren habe. Bernd Scherer, der Intendant des Hauses, nimmt diese Narration nicht auf, sondern ordnet den Auftritt sicherheitshalber noch ein mal brav als künstlerische Intervention ein. Hortensia Völckers von der Kulturstiftung des Bundes gibt Anekdoten aus dem Bewerbungsverfahren des neuen Transmediale-Leiters zum Besten: Der „Medienarchäologe“ habe sich stilsicher per Fax beworben (Schmunzeln im Saal) und sei auf Facebook nicht zu finden (vereinzelter Applaus).

Gansing schlägt schließlich einen weiten Bogen, um das Thema in/compatible zu erläutern. So sei die Transmediale vor 25 Jahren als „VideoFilmFest“ schon aus Gründen der Inkompatibilität gegründet worden, um visuelle Kunst zu zeigen, die bei der Berlinale und anderen etablierten Festivals nicht ins Programm passte. Aktuell ruft er dazu auf, eine Reflexionsfähigkeit über Inkompatibilitäten zu entwickeln. Trotz des allgegenwärtigen Mythos‘ der „Konvergenz“ bringe jede Entwicklung ständig neue Spannungen und neuen Überfluss hervor.

Leinwand mit zerfließenden FarbenZum Abschluss ist die Joshua Light Show ein analoger Gegenpol zum digitalen Interfacemassaker: Mit Leuchten, Spiegeln, Flüssigkeiten und weiteren, hinter der Leinwand bedienten Werkzeugen zaubert die Gruppe eine hypnotische Farbwelt. Eine Vorschau auf noch drei weitere Performances, die auch live online zu verfolgen sein werden (01.02. 21h, 03.02. 21h und 04.02.2012 21h).

Die Transmediale 2k12 läuft noch bis zum 5. Februar 2012, mit der Ausstellung „Dark Drives“, dem Videoprogramm „Satellite Stories“ sowie „in/compatible: systems | publics | aesthetics“ (Symposium) und „The Ghosts in the Machine“ (Performances) im Berliner Haus der Kulturen der Welt.
Wie schon im vergangenen Jahr werden  wir an dieser Stelle über ausgewählte Arbeiten und Veranstaltungen in Schönschrift berichten.

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3 Kommentare  Verschlagwortet mit , , , , ,

3 Antworten auf Lichter und Oberflächen zur Eröffnung | (transmediale 2k12)

  1. Katja sagt:

    Die Kollegin vom Kunst-und-Organisches Blog DON‘T PANIC IT‘S ORGANIC hat sich schon mal ein paar Schmankerl aus dem Programm herausgegriffen und gibt Tipps: http://dp.wiklog.com/2012/02/01/transmediale-2k12/

  2. Till Claassen sagt:

    Die Joshua Light Show erlaubt auf Twitter einen Blick hinter die Kulissen:
    https://twitter.com/#!/JoshuaLightShow/status/165059918863405056/photo/1/large

    Ich muss korrigieren: Es kamen offenbar doch digitale Geräte zum Einsatz.

  3. lena sagt:

    Bei der Performance von Joshua Light Show am Freitag den 3.2. zusammen mit der amerikanischen One Man Band Oneohtrix Point Never versicherte die Kuratorin Sandra Naumann noch einmal, dass bei der eigentlichen Performance der Light Show keine digitale Technik zum Einsatz käme…