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	<title>Schönschrift &#187; Philip Auslander</title>
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	<description>Notizen zur Kultur</description>
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		<title>Virtuelle Sheriffs bei blueservo.net &#124; Cowboyspiel, Social Network oder patriotische Jagd?</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Oct 2011 09:13:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Lena Loose]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Netz]]></category>
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		<description><![CDATA[Im selben Augenblick, da die Einheit des irdischen Raumes denkbar wird und die multinationalen Netze an Stärke gewinnen, verstärkt sich auch der Lärm der Partikularismen, all derer, die für sich bleiben wollen, oder derer, die nach einem Vaterland suchen, als &#8230; <a href="http://xn--schnschrift-tfb.org/artikel/virtuelle-sheriffs-blueservo-net-social-network-mexiko-usa/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img src="http://piwik.xn--schnschrift-tfb.org/piwik.php?idsite=7&rec=1&action_name=Virtuelle+Sheriffs+bei+blueservo.net+%7C+Cowboyspiel%2C+Social+Network+oder+patriotische+Jagd%3F+%7C+Sch%C3%B6nschrift" style="border:0" alt="" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1604" class="wp-caption alignnone"><img class="size-full wp-image-1604" title="blueservo Standbild" src="http://xn--schnschrift-tfb.org/wp-content/uploads/2011/10/blueservo-still.jpg" alt="Verpixeltes Bild einer Wüste." width="720" height="304" /><p class="wp-caption-text">Screenshot: blueservo.net, alle Rechte vorbehalten</p></div>
<blockquote><p>Im selben Augenblick, da die Einheit des irdischen Raumes denkbar wird und die multinationalen Netze an Stärke gewinnen, verstärkt sich auch der Lärm der Partikularismen, all derer, die für sich bleiben wollen, oder derer, die nach einem Vaterland suchen, als wären der Konservativismus der einen und der Messianismus der anderen dazu verdammt, die selbe Sprache zu sprechen: die des Bodens und der Wurzeln.<br />
(Marc Augé)</p></blockquote>
<p>Dank des selbst ernannten Sozialen Netzwerks <em><a href="http://www.blueservo.net/info.php">BlueServo</a></em> können Menschen von überall auf der Welt als Virtual Texas Deputies für Recht und Ordnung an der texanischen Grenze zwischen Mexiko und den USA sorgen. Ist man als virtueller Sheriff erst einmal angemeldet und eingeloggt, gilt es lediglich ein bis zwei „kritische“ Orte zur Beobachtung aus einer Liste auszuwählen und schon ist man live mit dabei. <span id="more-1600"></span>Wobei nochmal? Dabei, wie die Kakteen in der Wüste der Sonne entgegen wachsen oder dabei wie gelegentlich ein Windhauch eine Baumkrone oder einen trockenen Busch wanken lässt&#8230; Entdeckt der selbsternannte Sheriff nach fleißigem Warten tatsächlich doch etwas &#8218;Verdächtiges&#8216;, muss er nur auf den roten Button unterhalb des Screens klicken und es wird eine Mail versendet, die dann von <em>BlueServo</em> an den zuständigen lokalen Sheriff weitergeleitet wird, welcher sich der &#8218;Angelegenheit&#8216; annimmt.</p>
<p>Eine Grenze erzeugt ein binäres System aus einem Innen und einem Außen; sie fungiert als Markierung dieser Unterscheidung und definiert gleichzeitig – je nach Standpunkt – Zuständigkeitsbereiche, das Eigene, innerhalb Liegende und das Andere, das Fremde. Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist ein unübersehbares Symbol für die alarmierende Kluft zwischen dem Reichtum der nördlichen und der Armut der südlichen Hemisphäre. Der seit 2006 entstehende Grenzzaun manifestiert diese Trennung auf radikale Weise. Und während es als Europäer oder US-Amerikaner ein Katzensprung ist diese Linie zu übertreten, erscheinen die Prozeduren um so absurder, die viele Mexikaner durchlaufen müssen, um die Grenze (wenn überhaupt) überqueren zu dürfen. Tatsächlich ist die Grenze eine der am häufigsten überquerten der Welt. Die enorme Wohlstandskluft zwischen den benachbarten Ländern weckt in vielen Mexikanern die Hoffnung auf ein besseres Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, doch nur wenige finden den legalen Weg auf die andere Seite.</p>
<h3>BlueServo</h3>
<div id="attachment_1605" class="wp-caption alignleft"><a href="/wp-content/uploads/2011/10/blueservo-screenshot.jpg"><img class="size-medium wp-image-1605" title="blueservo Screenshot" src="http://xn--schnschrift-tfb.org/wp-content/uploads/2011/10/blueservo-screenshot-445x212.jpg" alt="Screenshot: &quot;Welcome back to blueservo&quot;" width="445" height="212" /></a><p class="wp-caption-text">Screenshot: blueservo.net, alle Rechte vorbehalten</p></div>
<p>Das System von <em>BlueServo</em> basiert auf einem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Closed_Circuit_Television">Closed Circuit Television (CCTV)</a> Überwachungssystem. 31 Überwachungskameras sind in der Grenzregion entlang des Rio Grande in Texas installiert und online von überall in der Welt einsehbar. Es genügt eine einmalige Anmeldung um Einsicht auf das Bildmaterial des Live-Streams zu bekommen. Derzeit hat <em>BlueServo</em> ca. 43.000 registrierte Mitglieder. Auf der eigenen Homepage präsentiert man sich als „social network“. Der Anbieter beschreibt das System als eine öffentlich-private Initiative der <a href="http://www.tlc2.uh.edu/TBSC/">Texas Border Sheriff&#8217;s Coalition (TBSC)</a>, die seit ihrer Gründung 2005 ein gemeinsames Ziel verfolgt: „to protect Texans from criminal organizations that had long exploited the state’s southern border“. Als Virtual Texas Deputy kann ein jeder von überall in der Welt Teil des Virtual Community Watch werden; einzig ein Computer mit Internetzugang ist Voraussetzung für die Partizipation am Cowboy-Spiel.</p>
<h3>Social Network</h3>
<blockquote><p>Die Präsenz der Medien ersetzt die soziale Anbindung. Das Subjekt erfährt sich selbst als existent, indem es &#8218;in Erscheinung&#8216; treten kann und in allen Lebenslagen einem &#8218;Bild&#8216; zu entsprechen versucht. Als Instanz der Selbstwahrnehmung werden die Medien zum reality test der gesellschaftlichen Persona: Ich werde gesehen, also bin ich.<br />
(U. Frohne)</p></blockquote>
<p>Mit weit über 500 Millionen aktiven Usern weltweit sprengt das social network Facebook alle Rekorde. Soziale Netzwerke (SNS) sind ein relativ junges Phänomen; der Begriff ist nicht geschützt. Michael Koch und Alexander Richter verstehen darunter in ihrer Untersuchung zu <a href="http://ibis.in.tum.de/mkwi08/18_Kooperationssysteme/04_Richter.pdf">„Social-Networking-Diensten“</a> Anwendungssysteme, &#8222;die ihren Nutzern Funktionalitäten zum Identitätsmanagement (d.h. zur Darstellung der eigenen Person i.d.R. in Form eines Profils) zur Verfügung stellen und darüber hinaus die Vernetzung mit anderen Nutzern (und so die Verwaltung eigener Kontakte) ermöglichen&#8220;.</p>
<p>Von den sechs von Koch und Richter definierten Funktionalitätsgruppen von SNS kann <em>BlueServo</em> nicht eine erfüllen. Fakt ist, dass das Profil ein elementarer Bestandteil eines social networks ist, so wie die &#8218;Freundschaftspflege&#8216; und die Kommunikation mit den &#8218;Freunden&#8216;, durch persönliche und öffentliche Nachrichten. <em>BlueServo</em> wird den genannten Kriterien einer SNS nicht gerecht. Das elementare Herzstück, das persönliche Profil, existiert nicht. Somit ist die Möglichkeit der Selbstdarstellung via <em>Identitätsmanagement</em> nicht gegeben. Die Identität anderer &#8218;Deputies&#8216; ist nicht einsehbar, so dass die Handlungen der Mitglieder auf der Seite nicht nur anonym sind, sondern unsichtbar bleiben. Somit fallen auch <em>Kontaktmanagement</em> und der <em>gemeinsame Austausch </em>weg. Ein <em>Wissensaustausch</em> existiert – wenn überhaupt – nur einseitig.</p>
<p>Anders als bei &#8218;klassischen&#8216; social networks wie Facebook oder StudiVZ besteht keine Möglichkeit sich innerhalb der Seite mit &#8218;Freunden&#8216; zu vernetzen. Somit wird auch die Funktion der <em>Kontextawareness</em>, also des Aufbaus eines gemeinsamen Wissens und Vertrauens innerhalb des Netzes sowie die <em>Netzwerkawareness</em>, das stetige Informiertsein über Aktivitäten im Netz, nicht realisierbar.</p>
<h3>Grenzüberwachung als Live-Event</h3>
<p>Auf der Homepage von <em>BlueServo</em> ist die Rede von der Ermächtigung eines jeden vorausschauend und aktiv am Kampf gegen die Kriminalität teilzunehmen. Die Suche nach &#8218;any suspicious activities&#8216; beherbergt diese Intention der Beobachtung zwecks Differenzierung. Das Bild der Kamera befördert jeglichen Verkehr vor dem Objektiv in den Status des Suspekten, des Anormalen. Die Methode der Kameraüberwachung produziert im Einklang mit einem von US-amerikanischen Populär-Medien erzeugten Blick auf die Grenzsituation hartnäckig einen dualistischen Ausschließungsmechanismus. Der auf Normalisierung gedrillte Blick registriert das Andere als ein Anormales. Diese Normierungsidee führt zurück zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Michel_Foucault">Michel Foucault</a>, der in der Standardisierung und Kategorisierung einen Mechanismus der Disziplinarmacht sieht. Die User von <em>BlueServo</em> fügen sich in diese Strukturen ein und erleben in der Gruppe der &#8218;Normalen&#8216; eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl.</p>
<p>Der Deputy ist live dabei. Aber ist er das tatsächlich oder operiert er nur in einer vermeintlichen Realität? Der Performance-Theoretiker <a title="Live und Leben | (transmediale.11)" href="http://xn--schnschrift-tfb.org/artikel/live-und-leben-transmediale-11/">Philip Auslander</a> beschreibt im Kontext von Kunstproduktion Live-Events als „real“ und mediatisierte Ereignisse als „secondary“ und „artificial reproduction of the real“. Für ihn ist der Begriff Liveness mit der gleichzeitigen Anwesenheit an einem Ort verknüpft und unterscheidet sich in mancher Hinsicht von der medialen &#8218;Live-Übertragung&#8216;. Das zunächst ortsabhängige und zeitlich versetzte Rezeptionserlebnis emanzipiert sich durch die Möglichkeiten weltweiter Vernetzung via Internet und was vorher nur in unmittelbarer Nähe live erfahrbar war, bietet sich heute überall und zu jeder Zeit an und führt dabei eine ganz neue Form von Reaktions- und Partizipationsmöglichkeiten mit sich.</p>
<p>Die Vergleichzeitigung von technisch-visueller Aufnahme und Wiedergabe löst bei dem Betrachter ein Gefühl der Teilhabe aus, denn er ist nicht mehr der Instanz der Zeitverzögerung ausgeliefert. Im Fall von <em>BlueServo</em> handelt es sich weniger um ein gemeinschaftliches Dabeisein als um eines aus einer überlegenen Perspektive. Der Blick des Betrachters anwesend, zwischengeschaltet ist jedoch der Blick der Maschine, der Kamera. Betrachter und Objekt agieren in der selben Zeit, jedoch an verschiedenen Orten.</p>
<p>Die Bilder, die sich dem <em>BlueServo</em> Nutzer bieten, unterscheiden sich von Bildern im öffentlichen Fernsehen vor allem auch durch den Aspekt, dass sie nicht nur &#8218;real&#8216; sind, sondern dass die Personen vor der Kamera (wenn denn mal welche zu sehen sind) im Normalfall nicht von der Anwesenheit der Kamera wissen. Das Vergnügen an <em>BlueServo</em> besitzt somit eine voyeuristische Komponente. Der Blick des Sheriffs ist Ausdruck einer Lust an Macht und wird zu einem Akt der Gewalt. Voyeurismus im eigentlichen Sinne ist sexuell konnotiert, soweit gehend, dass nach Freud der voyeuristische Akt den sexuellen Akt sogar ersetzen kann. Von einer erotischen Komponente ist bei dem Agieren mit <em>BlueServo</em> wohl eher nicht auszugehen. Auch fehlt hier die für den voyeuristischen Blick typische „Angstlust“: ein erregender Nervenkitzel, der dadurch ausgelöst wird, dass der Voyeur oder die Voyeuse entdeckt und „der Perversität überführt“ werden könnte. Die Angstfrage stellt sich für ihn nicht, denn offiziell handelt er rechtens und agiert völlig anonym vom heimischen Sofa aus.</p>
<h3>Ausblick</h3>
<p>Die &#8218;Grenzsicherheit&#8216; in dem Gebiet zwischen den Vereinigten Saaten und Mexiko ist durch Systeme wie <em>BlueServo</em> durch eine weitere Ebene erweitert worden. Mit Hilfe von Kameras im realen Raum wird auf virtueller Ebene &#8218;Grenzschutz&#8216; betrieben. Damit verschieben sich die Kategorien von Zeit und Raum und es erschließt sich ein Geflecht von neuen Möglichkeiten des Agierens und Involviert-Seins, wie auch des Überwachens und Überwacht-Werdens. Der virtuelle Raum eröffnet neue Möglichkeiten der Überschreitung des Nicht-Ortes Grenze, aber auch ihrer Abwendung und Kontrolle. <em>BlueServo</em> ist ein abstruses Beispiel dafür, wie die enorme Mobilität und die Öffnung von Räumen umgekehrt auch eine Schließung implizieren können. Die Begeisterung für die Observierung dieser Ereignislosigkeit entspringt irgendwo im Niemandsland zwischen &#8218;Pleasure and Paranoia&#8216; und demonstriert anschaulich wie gesellschaftliche Missverhältnisse auch in den virtuellen Raum weiter getragen werden.</p>
<p>Abschließend lässt sich noch einmal betonen, dass <em>BlueServo</em> seinem Eigenanspruch als social network in keiner Weise gerecht wird. Schon unter banalen semantischen Gesichtspunkten wird unmittelbar deutlich, dass der Service weder &#8217;sozial&#8216; noch &#8218;network&#8216; sein kann. Um so grotesker ist, dass das sogenannte &#8217;social network&#8216; auf das social network Facebook zurück greift, um dort social network-typische Handlungsräume in Anspruch zu nehmen, die die Seite selber nicht bieten kann. Auf der Facebook-Seite tauschen sich User mit ihren Facebook-Accounts über ihre Erfahrungen bei <em>BlueServo</em> aus oder geben einfach nur ihre Begeisterung kund. Hier treten die Sheriffs aus der Anonymität ihrer Undercover-Identität heraus und können sich nach Belieben darstellen und vernetzen.</p>
<p>Ich würde sogar so weit gehen und den Service als &#8218;unsocial network&#8216; bezeichnen, denn sich freisprechend von jeglicher Verantwortung spielen sich die User als Sheriffs im Namen einer naiven und nationalistisch gedachten Ordnung auf, ohne dabei Sinn und Konsequenzen ihres Tuns in Frage zu stellen. <em>BlueServo</em> wird zum schleichenden Action-Spiel mit Echtzeitfaktor, dessen vermeintliche Realität und das Gefühl von Einflusshabe und Macht einen besonderen Reiz auszumachen scheinen. Dass unzählige Menschen ihr Leben &#8218;aufs Spiel&#8216; setzen, alles hinter sich lassen, sich körperlichen Strapazen, Dehydrierung, Strafen, kriminellen Schleusern und der skrupellosen Drogenmafia aussetzen scheint den patriotischen Zockern vor lauter Wild-West-Wallungen entgangen zu sein.</p>
<h3>Literatur:</h3>
<p>- AUGÉ, Marc: <em>Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit.</em> Frankfurt am Main, 1994<br />
- AUSLANDER, Philip: <em>Liveness: performance in a mediatized culture</em>, 2008<br />
- FOUCAULT, Michel: <em>Überwachen und Strafen</em>. 1975. Ausgabe Frankfurt am Main, 1994<br />
- RICHTER, Alexander &amp; KOCH, Michael: <em>Funktionen von Social-Networking-Diensten. </em>Proceding Multikonferenz Wirtschaftsinformatik 2008, Teilkonferenz Kooperationssysteme, München, 2008</p>
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		<title>Live und Leben &#124; (transmediale.11)</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Feb 2011 22:15:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Katja Grawinkel]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Festival]]></category>
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		<description><![CDATA[Angel_F ist eigentlich noch ein Kind. Mit Babypuppen-Mündlein und Kulleraugen. Dazwischen ein Fleck. Anschluss-Buchse oder Einschussloch? Ein punctum mitten im Kindchenschema, das den Blick irritiert. Angel_F, das steht für Autonomous Non-Generative E-volitive Life_Form. Ein autonomes Programm, dem seine Erfinder das Sprechen &#8230; <a href="http://xn--schnschrift-tfb.org/artikel/live-und-leben-transmediale-11/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img src="http://piwik.xn--schnschrift-tfb.org/piwik.php?idsite=7&rec=1&action_name=Live+und+Leben+%7C+%28transmediale.11%29+%7C+Sch%C3%B6nschrift" style="border:0" alt="" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_157" class="wp-caption alignnone"><img class="size-full wp-image-157" title="Angel_F auf der transmediale.11" src="http://xn--schnschrift-tfb.org/wp-content/uploads/2011/02/angel-f-transmediale.jpg" alt="" width="720" height="306" /><p class="wp-caption-text">Angel_F beim transmediale.11 Opening</p></div>
<p><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Angel_F">Angel_F</a> ist eigentlich noch ein Kind. Mit Babypuppen-Mündlein und Kulleraugen. Dazwischen ein Fleck. Anschluss-Buchse oder Einschussloch? Ein punctum mitten im Kindchenschema, das den Blick irritiert. Angel_F, das steht für Autonomous Non-Generative E-volitive Life_Form. Ein autonomes Programm, dem seine Erfinder das Sprechen beigebracht haben, ein Hack von Künstlern und Open Source Aktivisten. Künstliche Intelligenz, die einen so freundlich anschaut, dass einem ganz warm wird. Angel_F ist eine Art Maskottchen der transmediale Konferenz mit dem Titel <a href="http://www.transmediale.de/content/conference-bodyresponse-–-biomedial-politics-age-digital-liveness">„Body:Response &#8211; Biomedial Politics in the Age of digital Liveness“</a>. Es ist das Inter-Face, in dem sich die gegenläufigen Utopien von Pinocchio und Avatar spiegeln. <span id="more-140"></span></p>
<p>Carlo Collodis Pinocchio wünscht sich sehnlich, ein richtiger Junge zu sein und erhält am Ende der Geschichte als Belohnung für bestandene Abenteuer das echte menschliche Leben. Jake Sully in James Camerons <a href="http://www.avatar-derfilm.de/">&#8222;Avatar &#8211; Aufbruch nach Pandora&#8220;</a>, ist dagegen von seinem menschlichen Dasein frustriert und will, als er einmal die Möglichkeiten entdeckt hat, die ihm sein Avatar bietet, gar nicht wieder raus aus der virtuellen Existenz.</p>
<p>Mitten drin findet sich der ganz normale Mensch des digitalen Zeitalters. Verkabelt und verbunden mit der halben Welt oder auch schnurlos und frei, immer erreichbar und trotzdem nie zu Hause. Sein Körper ist medial erweitert und transparent. Jedes Detail seines Lebens kann statistisch erhoben und kategorisiert werden. Gibt es in diesen Zeiten noch einen besonderen Wert des Körpers, der physischen Präsenz oder müssen die Fragen nach Authentizität und gesellschaftlichem Zusammenleben auf neuen Grundlagen aufbauen?</p>
<p>Das erste Keynote Podium der transmediale Konferenz schlug heute Nachmittag den Bogen von der zentralen Frage des Partnerfestivals <a href="http://www.clubtransmediale.de/">Club Transmediale</a> „What is live?“ zum Begriff der Digitalen Liveness. Auf insgesamt drei Spuren verfolgen die Transmediale-Kuratoren Aspekte der Präsenz, Identität, Ökonomie und des politischen Handelns in der Ära der sogenannten Echt-Zeit. Und wer hätte den Reigen besser einleiten können, als Philip Auslander? Sein gerade in der zweiten Auflage erschienenes Buch <a href="http://www.lcc.gatech.edu/~auslander/liveness.html">„Liveness – Performance in a Mediatized Culture“</a> (Routledge 2008) behandelt den Siegeszug des Live-Begriffs im zwanzigsten Jahrhundert.</p>
<p>Es gibt, so Auslander, den Begriff der Liveness oder Live-Performance erst, seit eine Abgrenzung zur medientechnisch erzeugten Aufnahme nötig wurde. In der Dichotomie live/recorded steht Liveness für Authentizität und Einmaligkeit, die gemeinsame Anwesenheit von Zuschauern oder –hörern und Performern am selben Ort zur selben Zeit. Doch der Live-Begriff ändert sich mit der Zeit und mit der medienhistorischen Entwicklung. Er bezeichnet neben der physischen Ko-Präsenz auch die extrem zeitnahe mediale Übertragung eines Ereignisses via Radio, Fernsehen oder Streaming im Netz. Schlussendlich könne man, so Auslander, sogar die gemeinsame Tele-Präsenz in sozialen Netzwerken im Internet oder den Echtzeit-Kontakt via twitter oder SMS als Liveness bezeichnen.</p>
<p>Doch wo bleibt dann der vitale Aspekt, der an den Menschen aus Fleisch und Blut gebunden ist und nicht etwa für ein Angel_F simuliert werden könnte? Auslander hat ihn in  seinem „Liveness“-Band gerettet. Egal wie medial oder digital die Liveness auch werde, argumentiert er, letztlich käme es auf die Aktivität des Publikums an, das ein virtuelles Ereignis als live empfindet, es sich aneignet und auf die Ansprache der Technologie antwortet. „Response:Ability“ im besten Sinne.</p>
<p>Von Identifikation, Zugehörigkeit, ja sogar vom libidinösen Verlangen nach physischer Zusammenkunft sprach auch Auslanders Nachfolger auf dem Podium, Erik Kluitenberg. Passend zu papierlosen Büros und dezentralisierten globalen Märkten veranstaltete er mit anderen das Festival <a href="http://www.electrosmogfestival.net/">„Electro Smog. International Festival for Sustainable Immobility“</a>. Es diskutierten Teilnehmer von Kanada bis Neuseeland mit dem Publikum in Amsterdam. Nur dass sie nicht physisch anwesend waren, sondern per Live-Stream, Video-Konferenz oder Skype. Das war gut für die Umwelt und eine enorme technische Herausforderung, nur für’s Publikum habe es nicht funktioniert, so Kluitenberg. Etwas habe gefehlt, eine Lücke, die auch die raffinierteste Übertragungstechnologie nicht schließen konnte. Auslanders Antwort der Zuschauer auf das mediale Ereignis war hier offensichtlich ausgeblieben. Ein wünschenswerter Effekt der allumfassenden medialen Liveness, nämlich die Reduktion von umweltbelastender Mobilität, bliebe damit zunächst aus, so Kluitenbergs zaghaftes aber nicht verzagtes Fazit.</p>
<p>Mushon Zer-Avivs Vortrag schloss die Runde mit Anmerkungen zum gesellschaftlichen Miteinander unter den Vorzeichen medialer Präsenz. Zentral war hier der Begriff der Öffentlichkeit, der die Diskussion anschlussfähig macht für Fragen zu Demokratie und politischem Handeln, die in den nächsten Tagen folgen werden. Mushon nahm den Aspekt des Publikums in ganz anderer Form auf. Sowohl die Plattformen im Internet als auch öffentliche Plätze und Straßen im urbanen Raum seien durchdrungen von den Blicken eines unsichtbaren Publikums und es sei die Aufgabe von Künstlern, Designern, Architekten und Web-Aktivisten in dieser mediatisierten Öffentlichkeit ein Gespür für Einmaligkeit und Intimität herzustellen.</p>
<p><a href="http://schönschrift.org/wp-content/uploads/2011/02/notizen-live-und-leben.pdf"><img class="size-thumbnail wp-image-192 alignleft" title="Notizen zum Artikel &quot;Live und Leben&quot;" src="http://xn--schnschrift-tfb.org/wp-content/uploads/2011/02/notizen-live-und-leben-thumb-275x275.jpg" alt="" width="275" height="275" /></a><a href="/wp-content/uploads/2011/02/notizen-live-und-leben.pdf">Notizen zu diesem Artikel als PDF</a></p>
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